Monika Feucht

Monika Feucht wurde 1956 in Meggen geboren. Sie besuchte die Schule für Gestaltung Luzern und absolvierte danach eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Beide Berufe übt sie freischaffend aus. Von 1992  bis 1996 besuchte sie die Abteilung «Freie Kunst» der Hochschule Luzern Design & Kunst. Sie hat drei erwachsene Kinder und lebt in Luzern.

Aufenthalt

03.10. - 31.12.2016

Lichtpunkte

Monika Feucht, Installation, 2016

Monika Feucht     Lichtpunkte

Lichtpunkte gibt es nicht nur in Monika Feuchts Arbeiten, sondern auch auf ihrem Weg als Künstlerin. Vergangenen Samstag hat sie anlässlich der Eröffnung der Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen im Kunstmuseum Luzern den Jurypreis bekommen. Monika Feucht lebt mit ihrem Mann in Luzern und hat drei erwachsene Kinder. Geboren wurde sie 1956 in Meggen. 1972 machte sie den Vorkurs der Schule für Gestaltung Luzern, danach eine Ausbildung zur Kosmetikerin. 1992 bis 1996 besuchte sie die Abteilung „Freie Kunst“ der Hochschule Luzern. 2010 führte sie ein Atelierstipendium der Visarte Zentralschweiz für drei Monate nach Paris.

„Ab der Welt und ein bisschen aus der Zeit gefallen“, beschreibt Monika Feucht Bedigliora in ihren tagebuchartigen Notizen. Vielleicht, um hier nicht allein zu sein, brachte sie im Gepäck eine grosse weiss grundierte Leinwand und einige Pappteller mit, in die sie mit Haaren die Namen von Künstlerinnen stickte. Die Künstlerinnen legten ihre Linien, ein unregelmässiges Karomuster ist entstanden. Monika Feucht notierte zu dieser Installation mit dem vorläufigen Titel Déjeuner: „Ich habe mir ein Zusammentreffen, Kommen und Gehen, vorgestellt. Stiche ergeben Linien, markieren eine flüchtige Anwesenheit. Darüber schwebt ein Summen und leises Lachen.“ Wie bei etlichen ihrer Tischgenossinnen erscheinen auch in Monika Feuchts Arbeiten Kunst und Alltag auf vielfältige Weise subversiv verschränkt: Wegwerfteller sind sorgfältig bestickt, Leinwand wird zum Tischtuch, Haare stehen für Individualität, wo sie gewöhnlich Ekel erregen. Die häuslichen Dinge kommen aus einem Bereich, in dem das Recht, Künstlerin zu sein, bis heute zuweilen als Privileg angesehen wird. Mit ihren Genossinnen teilt Monika Feucht denn auch eine Sensibilität für starre Ordnungen und Machtstrukturen. Im Still aus einem Film von Antonioni auf einer ausgeschnittenen Kinowerbung scheint es um mehr zu gehen als um Haare.

In Monika Feuchts Bedigliora-Objekten kippen Pflanzenelemente ins Tierische. Ein in einem gefundenen Netzstück verfangener Rebentrieb evoziert ein Geweih. Glyzinienzweige bildeten den Ausgangspunkt zu Kleine Tiere – Grosse Kämpfer. Diese ekstatischen Mobiles sind in mehreren Übersetzungsschritten entstanden, die die Künstlerin wie folgt beschreibt: „Kleine Teile der Glyzinie werfen ihre Schatten, welche ich durch Manipulation ergänze, so entstehen Figuren. Das heisst, das Auge macht sie zu diesen. Ich habe sie ausgeschnitten und mit Zinnober-Rot angemalt. Nun hängen sie – und werfen wiederum ihre Schatten.“ Von diesen Schattenwürfen hat Monika Feucht einige auf Packpapier festgehalten.

In ihrer Bewerbung stellte sich Monika Feucht ihre Arbeit in Bedigliora „landschaftlich“ vor. Auch die Einladungskarte verweist auf dieses neue Motiv in ihrem Schaffen. Die Karte gibt weitere Aufschlüsse über ihre Arbeitsweise: Das weisse Blatt im Fokus deutet auf den zeichnerischen Zugang hin, den Monika Feucht nach dem Studium ausgehend von Postkartenformaten immer weiter trieb und der sich auch in ihren textilen Arbeiten und Objekten zeigt. Bei einem Fernrohr aus Toilettenpapierrolle haben wir es mit Bricolage zu tun. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat in seinem Buch Das wilde Denken den Künstler im Unterschied zum Ingenieur als Bricoleur bezeichnet, der mit dem auskommt, was er zur Hand hat, und damit unerwartete Lösungen erzielt.

Die jüngste Zeichnung fokussiert auf die grossen Tannen vor dem Fenster. Von einem scharfen Kern aus löst sich die Darstellung auf, bekommt ein „Eigenleben“, wie Monika Feucht diesen Prozess der Aneignung nennt, wird „wirklich“ und ermöglicht so eine unmittelbare Begegnung. Auch an ein Panorama hat sie sich gewagt. Anlass war eine im Frühjahr aus einer Zeitung ausgeschnittene kleine Reproduktion eines Kupferstichs, der eine Tessiner Landschaft mit Bergen und See wiedergibt. Zunächst trug Monika Feucht mit einem Pinsel in Ochsengalle gelöstes Graphit auf und zeichnete dann stehend Strich für Strich, bis „waldpelzige Abhänge und Bergrücken“ sichtbar wurden, „welche wie Tiere in den Lago Maggiore fallen“, so die Beschreibung der Künstlerin. Das Pelzige erinnert an ihre grossformatigen Hinterköpfe und Frisuren. Wichtiger Bezugspunkt scheint in den Landschaften der Körper zu bleiben, auch der des Betrachtenden, der sich in Beziehung bringt zur spiegelnden Graphitoberfläche, die je nach Position und Tageslicht mehr goldig oder silbrig glänzt.

Zu den vier querformatigen Zeichnungen hat Monika Feucht folgendes notiert:

„Mondini: Mein Blick fällt auf kleine Welten; Teiche, Bäche, Baumrücken, Gras und Moos. In den neueren Arbeiten ist da immer eine Art cooler Kern, exakt begrenzt und akkurat gezeichnet. Dann weitet sich der Blick, franst aus in der Zeichnung. Plötzlich birst das schöne Weiss, die kleinen Welten stehen Kopf. Grenzen lösen sich auf und Lichtpunkte haben Schattenseiten. Ich will keine wirklichen Landschaften zeichnen. Nichts ist echt – es sind einfach Striche, Strich für Strich. Ein Muster, Dynamik, die das Auge, den Blick, schweifen lässt, dabei Neues entdeckt, neue Formen kreiert.“

Ausgangspunkt sind fotografisch festgehaltene Landschaftseindrücke. Durch verschiedene Verfahren wie Reduzierung auf Grautöne, Wahl eines Ausschnitt ohne Orientierung stiftende Horizontlinie, Spiegelungen, Vergrösserungen und Verkleinerungen verlieren die Landschaften ihre Massstäblichkeit, changieren zwischen Grossem und Kleinem, gewinnen abstrakte Qualität. Viele Künstler machen aus Chaos Ordnung, wie Louise Bourgeois in einem Gespräch bemerkt. Mit Blick auf diese Landschaften trifft indes auch das Umgekehrte zu. Monika Feucht bringt Chaos in die Ordnung, reichert die Dinge an, macht sie lebendig.

„war· wo ich wirklich war· war wirklich wo ich war· war ich wirklich ich· war wirklich ich wirklich· wo war ich wirklich“

 

Medea Hoch
Bedigliora, 17. 12. 2016