Anna Isenschmid

Anna Isenschmid wurde 1959 in Zürich geboren und lebt in Emmen. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin besuchte sie die Schule für Gestaltung in Luzern (Abteilung freie Kunst). Es folgten Weiterbildungen im Bildungs-und Sozialbereich. Sie arbeitet als Erwachsenenbildnerin mit arbeitslosen MigrantInnen in der Sprachvermittlung und Beratung und ist Fachfrau für Deutsch als Fremdsprache. Daneben ist sie im eigenen Atelier schreibend und bildnerisch gestaltend tätig (Zeichnung, Objekt, Skulptur, Stickerei). Sie beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit Anagrammen. Mittels der Zerlegung und neuen Zusammensetzungen (Dekonstruktion) von Wörtern und Sätzen findet sie zu lyrischen Texten und schreibt Gedichte.

Publikationen

Berge von Pulver sind leis. Anagramme im Privatdruck, 1998.

Vier Seidenjahre Zeit. Anagramme, Alpnach: Verlag Martin Wallimann, 2009.

Zahlreiche Textbeiträge in verschiedenen Anthologien, an Lesungen und Ausstellungen

Preise

Deutschschweizer Anagrammpreis, Februar 2008

Aufenthalt

06.10. - 28.12.2015

Offenes Atelier Bedigliora 2015

Licht

Anna Isenschmid, LICHT, Stickerei, 2015

Anna Isenschmid beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit Anagrammen. Für ein Anagramm werden die Buchstaben eines Wortes, eines Satzes oder Verses neu zusammengesetzt. Die neu gebildeten Wörter, Sätze, Verse bleiben mit dem Ursprung durch die gleichen Buchstaben und auch durch Klang und Sinn verbunden. Bei Anna Isenschmid entstehen so ganze Gedichte.

Anagramme hat Anna Isenschmid auch in Bedigliora geschrieben. Vor dem 100jährigen Geburtstag der Künstlerbewegung Dada, den wir nächstes Jahr feiern, wählte sie Werke von Hugo Ball, Emmy Hennings oder Kurt Schwitters zum Ausgangspunkt für neue Gedichte. Dazu kam aber auch eine ganz neue Arbeitsform, die sie erst in Bedigliora entdeckte: Es sind dies Stickbilder, die Text in Textil umwandeln. Das Wort «Text» kommt aus dem lateinischen textus («Das Gewebe der Rede») das ebenfalls zum Wort für Textil («Gewebtes, Stoff») wurde. Der geschriebene Text und das Stück Stoff sind also schon etymologisch verwandt; in Anna Isenschmid gestickten Textbildern gehen sie eine untrennbare Beziehung ein.

So hebt sich das Wort «Licht», mit weissem Perlfaden auf weisse Unterlage gestickt, nur durch die Richtung der Stiche von seinem gestickten Umfeld ab: Die Lesbarkeit des Wortes hängt vom Lichteinfall ab: Je nachdem, wie ich das Textbild halte, erscheint das Wort darauf oder nicht. So entsteht eine Wechselbeziehung: Das Wort ruft die Idee des Lichts hervor, aber das Licht lässt das Wort erst sichtbar werden. Das einzelne Wort wird so zum Gedicht, denn es schafft, wovon es spricht, und wird davon erschaffen. Poesie kommt von poiein, «machen».

Bei Anna Isenschmid werden auch Anagramme zu Textbildern. Sie wählt dabei eine Schriftform sowie eine Farbe für jeden Buchstaben. Eines ihrer ersten Anagrammbilder entstand aus dem Wort «Zufall». Dabei ordnete sie jedem der sechs Buchstaben eine Zahl zu und würfelte die Anordnung der Buchstaben viermal neu aus. Auch hier ist es der Zufall, der den Zufall schafft: Das Wort kreiert den Sinn, und umgekehrt. Die Dadaisten und Surrealisten schwören besonders auf die produktive Kraft des Zufalls, «le hasard objectif» wie André Breton sagte.

Manche Textbilder wählen als Schrift die Blindenschrift, deren Punkt- und Strichcode in einer stilisierten Form erscheint. Einer der so verwandelten Texte ist «Lorem Ipsum» – eine Wortfolge, die alle gut kennen, die mit Büchern und Buchdruck zu tun haben, denn man setzt sie jeweils als Platzhalter ein, wenn man ein Layout erstellt und noch nicht über den definitiven Text verfügt. Der Platzhalter oder, wie er auch genannt wird, «Blindtext» ist hier in Blindenschrift umgesetzt. Unlesbar für unsere Augen und wohl auch für unsere Finger, unverständlich das Latein – man soll den Text ja nicht lesen, sondern ansehen. Und doch hat er auch einen Sinn: Er stammt aus einem Absatz von Cicero über den Schmerz.

Farbklang, Form und Inhalt des Textes verbinden sich in den Textbildern zu einem Ganzen, das harmonieren muss. Einmal findet die Künstlerin, das für einen Buchstaben gewählte Grün passe nicht zum innerlichen Charakter des Gedichts und trennt die grünen Felder wieder auf. Das Sticken geht langsam voran, sie merkt, wie wichtig es ist, sich die Gestaltung im Voraus zu überlegen.

Die Zeit ihres Aufenthalts, die zuerst als drei lange Monate vor ihr lag, beginnt sich nach der Dauer der Stickarbeiten aufzuteilen: Sie wird, wie Ingeborg Bachmann sagte, «gestundet». Anna Isenschmids drei Monate in Bedigliora nähern sich dem Ende, doch bleiben als Zeugnisse ihrer Erfahrungen und ihrer Entdeckung einer handwerklichen Technik die hier entstandenen Gedichte, Entwürfe, Textbilder.

Ruth Gantert, Bedigliora, 19. 12. 2015