Sacha Ineichen

Sacha Ineichen ist in Zürich aufgewachsen. Nach Sprachaufenthalten in Genf, Rom und Cambridge entschloss sie sich für eine Lehre als Fotografin. Drei Lehrjahre und weitere fünf Jahre verbrachte sie in Vevey bei Nestlé. Danach kehrte sie nach Zürich zurück und arbeitete am Institut für Wasserbau der ETH. Sie absolvierte eine künstlerische Ausbildung an der Schule für Gestaltung. Seither verfolgt sie ihre eigene künstlerische Arbeit, in der sie vor allem Landschaft und Naturfotografie interessiert. 

Aufenthalt

01.01. - 31.03.2014

Verschmelzen von Licht und Schatten

Sacha Ineichen, Bedigliora 2014

Einführung zur Ausstellung

Nach Bedigliora kam Sacha Ineichen ohne ein spezielles Projekt. Sie freute sich vor allem darauf, drei Monate in inspirierender Umgebung voll für die eigene künstlerische Arbeit einsetzen zu können. Anfang Januar wurden im Haus gerade Malerarbeiten verrichtet. Die Fotografin verzog sich in den obersten Stock und machte ihr erstes Bild: Es war der Schatten der Atelierküche auf der Wand. Und schon war sie mitten in ihrem Thema, das sie nicht loslassen sollte: «Verschmelzen von Licht und Schatten», so heisst ihre Ausstellung. Da werfen Blumensträusse in Vasen grosse Schatten auf die Wand mit ihrer porösen Struktur. Das Objekt selbst ist oft gar nicht zu sehen, nur sein Schatten, der je nach Distanz des Objektivs schärfer oder unschärfer erscheint. Dabei versuchte sie selten, den Schatten künstlich zu erzeugen – was sie packte, das war der natürliche Schatteneffekt der Wintersonne, die flach durch die Fenster fiel. Es ist gar nicht leicht, den Schatten ganz allein zu fotografieren, es erfordert einige Verrenkungen und Spezialpositionen.

Aber Sacha Ineichen blieb nicht nur im Haus und beobachtete den Lichteinfall und die Spiegelungen an den Fensterscheiben, sondern sie machte auch ausgedehnte Spaziergänge und erkundete die Umgebung. Dabei steckte sie immer eine Plastiktüte ein, in der sie Fundstücke nach Hause brachte: Hortensienblütenblätter, Winterbeeren auf dem Waldboden, Fichtenzapfen und feine Zedernzweige, Steine und Holzstücke. Eine Auslageordnung ist im obersten Stock zu sehen. Da entdeckt man plötzlich mit Verblüffung die Modelle für viele Bilder, die man gar nicht erkannt hatte. Einerseits weil die Fotografin sie mit dem Makro aufgenommen hat und sie daher in Übergrösse zu sehen sind, andrerseits weil Sacha Ineichen mit Doppelbelichtungen und Überblendungen arbeitet, und so Objekte kombiniert oder Formen sich überlagern lässt. Und schliesslich bearbeitet sie die Bilder mit Photoshop und verfremdet die Farben, wie im Bild auf der Einladungskarte: Die kleinen roten Beeren der Stechpalme werden gross und blau. Dazu kombiniert sie Glyzinienranken, die sie stellenweise über dem Blau der Beeren rot eingefärbt hat.

So entsteht eine rätselhafte Schwebe zwischen Realismus und Surrealismus, zwischen Realität und Traum – ein bisschen wird man vor diesen Bildern zu Alice im Wunderland, nachdem sie von dem Pilz gegessen hat, der einen schrumpfen lässt: man steht staunend vor einer bekannten und doch neuen Welt. Manchmal glaubt man gar nicht, ein Foto zu sehen, und denkt, die Künstlerin habe mit Pinsel oder Stift gewirkt, doch es handelt sich um bewusst gewählte Effekte der Bildbearbeitung.

Sacha Ineichen zeigt uns hier eine Werkschau : alle Bilder sind «épreuves d’artiste». Sie druckt sie jeweils selbst auf ihrem kleinen Drucker und entscheidet dann, welche Bilder sie gross drucken lässt. Die in der Druckerei bestellten Bilder kommen in mehrere Meter langen Bändern, die sie danach selbst zuschneidet. Wenn jemand ein Foto für sich haben möchte, besteht die Möglichkeit, es auf Vinyl, auf Acrylglas oder auf Leinwand drucken zu lassen. Die Feinheit der Details, die Struktur und der Glanz variiert je nach Material, wie hier an Beispielen zu sehen ist.

Wo Licht ist, ist auch Schatten – oder umgekehrt, wo Schatten ist, ist auch Licht. Vermeintliche Gegensätze bedingen einander nicht nur, sie verbinden sich in Sacha Ineichens Bildern. So entsteht eine Synthese oder eben eine Verschmelzung: zwischen Licht und Schatten, zwischen Positiv und Negativ, zwischen Farbe und Komplementärfarbe, zwischen Objekt und Spiegelung, zwischen Fotografie und Malerei, zwischen Realität und Traumwelt.

Ruth Gantert