Mary Anne Imhof

Mary Anne Imhof wurde 1957 in Seedorf / Uri geboren. Von 1975 bis 1980 liess sie sich zur Primarlehrerin ausbilden, von 1982 bis 1983 besuchte sie den Vorkurs an der Schule für Gestaltung Luzern. Es folgten längere Studienaufenthalte in Indien und Italien. Von 1994 bis 2009 lebte sie in Frankreich. Von 2002 bis 2006 absolvierte sie ein Vollzeitstudium in Malerei und Malpädagogik an der Visual Art School Basel, und von 2008 bis 2009 studierte sie Kunstgeschichte und Kulturanthropologie an der Universität Basel. Seit 1983 ist sie freiberuflich als Künstlerin tätig. Ihre Werke stellt sie in der Schweiz, Frankreich, Österreich und La Gomera aus.

Bilder aus der Ausstellung von Mary Anne Imhof

Aufenthalt

03.10. - 28.12.2023

Trouvailles - Oggetti trovati - Fundstücke




Die beiden Künstlerinnen Lis Blunier und Mary Anne Imhof haben sich zu zweit für einen Aufenthalt in der Casa Atelier beworben und zusammen im Haus gearbeitet.

Mary Anne Imhof wurde in Seedorf (Uri) geboren. Sie bildete sich zuerst zur Primarlehrerin aus und besuchte dann den Vorkurs an der Schule für Gestaltung Luzern. Es folgten längere Studienaufenthalte in Indien und Italien. Fünfzehn Jahre lang lebte sie in Frankreich. Sie absolvierte ein Vollzeitstudium in Malerei und Malpädagogik an der Visual Art School Basel, und studierte danach noch Kunstgeschichte und Kulturanthropologie an der Universität Basel. Seit vierzig Jahren ist sie freiberuflich als Künstlerin tätig.

Die Beschäftigung mit Naturfarben begleitet die Künstlerin seit Langem. Sie stand nicht im Zentrum ihrer Pläne für Bedigliora – aber bei der ersten Wanderung auf den Monte Mondini konnte sie nicht anders, als einen Stein mitzunehmen, den sie dann von Hand abrieb, mit dem Steinmörser zerstiess, im Porezellanmörser weiter verfeinerte und auf einer Glasplatte mit Bindemittel vermischte. Es entstand ein Gelb-Orange. Acht Mineralfarben fand sie so in der Umgebung auf der Waldstrasse oder als Berggestein, eine neunte auf dem Monte Lema. Die Künstlerin macht Farbproben, experimentiert mit verschiedenen Trägern und mit Bindemitteln. Auf Leinwand und mit Eitempera wirkt die Farbe matt, sie pulsiert, atmet. Auf dem Epoxy-Kunststoff glänzt sie, verführt, lässt uns aber nicht ein, sondern wirft uns zurück. Das gleiche Pigment kann sonnenfarbig, erdig oder auch orange erscheinen. Die Farben vermalt die Künstlerin alle rein, sie vermischt sie nicht miteinander. Wie viele Schichten braucht es, bis die Sättigung entsteht, die jede Farbe hergibt?

In Bedigliora fasziniert sie die Nähe zur Natur. Sie öffnet das Fenster, und schon ist sie mittendrin – oder umgekehrt dringt die Natur ins Atelier ein. Die gesammelten Glyzinienschoten platzen auf und spicken gegen die Balkonscheibe. Innen und aussen – diese Thematik wird wichtig. Es entstehen Blätter mit Farbbahnen, Linien und Karomuster. Entgegen der Erwartung ist da keine Symmetrie, sondern Unregelmässigkeiten schaffen Distanz. Fehlt ein farbiges Karo, verbinden sich die weissen Aussenkaros zum Kreuz – der Blick oszilliert zwischen Innen- und Aussenformen. 

Ein Bild entsteht als Fusion zwischen den Farben den Kantons Uri und des Malcantone: Unten trägt die Künstlerin fünfzehn Farbtöne aus Uri in gebrochenem grau-grün auf, oben die neun aus dem Malcantone, die farbiger, sonniger, sphärischer sind. In der Mitte kommt es zur Begegnung – auch hier nicht kalkuliert symmetrisch, sondern mit Stolpersteinen fürs Auge.

Naturfarben waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts alles, was die Künstler:innen hatten. Pflanzenfarben sind nicht lichtecht, Minerale hingegen schon. Mary Anne Imhof stellt das althergebracht Natürliche dem sparsam eingesetzten Künstlichen gegenüber, das Organische der konstruktiven Form, und schafft so ein faszinierendes Spannungsfeld.

 

Ruth Gantert, Bedigliora, 9.12.2023