Eva-Maria Schön

Eva-Maria Schön ist in Düsseldorf aufgewachsen. Sie bildete sich zur Fotografin aus, studierte dann an der Fachhochschule Grafik und absolvierte die Staatliche Kunstakademie. 1980 zog sie nach Berlin, wo sie seither lebt. Sie erhielt zahlreiche Förderungen und Preise und arbeitete in Italien, Amerika, England und China. Sie war auch in der Lehre tätig, u. a. in Istanbul, Bremen, Berlin, Zürich und Kassel. Ihr Werk zeigt sie in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen und veröffentlicht es auch in Büchern, vom HandVokabular (Vexer, 1993) bis zu zwei und dazwischen (Salon Verlag, 2013).

Aufenthalt

01.08. - 30.09.2014

Eva-Maria Schön, Pinselstrich und Atemstoss, 2014

Einführung zur Ausstellung

Die Ausbildung und Arbeit als Fotografin ist in Eva-Maria Schöns Malerei noch zu spüren. Mit dem Spachtel, mit dem Händen oder nun auch mithilfe ihres Atems zerlegt sie Farbe in ihre Teile, variiert sie in Abstufungen. Sie baut mikrofotografische Elemente in ihre Werke ein, arbeitet aber auch im Raum, mit Installation und Performance.

Als die Flachländerin und Grossstädterin in Bedigliora ankommt, wird ihr zuerst etwas eng zumute in dem kleinen, abgelegenen Dorf. Sie malt Gitterlinien, die sie dann mit ihrem Atem aufbricht, auseinanderschnellen lässt. Seit zwei Jahren hat die Künstlerin den Atem für ihre Arbeit entdeckt: Sie bläst auf die noch nassen Bilder und verteilt so die Farbe, treibt sie in feine Verästelungen. Wohin die Farbe hinstiebt und wie, kann die Künstlerin antizipieren, aber nicht kontrollieren: Es bleibt ein Teil dem Zufall überlassen. Das bedeutet auch, dass kein Bild sich reproduzieren lässt, jedes einzigartig ist. So entehen kleine Blätter, aber auch lange Leporelli im Rhythmus der Pinselstriche und der Atemstösse: Die Künstlerin streicht oder tupft mit dem Pinsel und bläst aufs Papier, sie malt und pustet, zügig und rhythmisch. Lange zögern und überlegen kann sie nicht, sonst trocknet die Farbe. Die fertigen Leporelli koloriert sie manchmal nachträglich von Hand, wie Filme oder Schwarz-Weiss-Fotografie, mit einem einzigen, dicken Pinselstrich, der das Band einfärbt.

Das Zusammenwirken von Pinseltrich und Atemstoss  ist schön zu sehen auf der Einladungskarte: Ein heller Streifen entsteht, wo der Atem die Farbe auflöst. Sie zerstiebt in feine Äderchen, die an Naturphänomene erinnern, je nach Bild: Schilf im Wasser, stachlige Kastanien, Insektenbeine, Knochen, der wie eine Kartoffel treibt?

Zu Bildern, die erst im Entstehungsprozess pflanzen- oder tierähnlich werden, gesellen sich auch bewusste Variationen über Eindrücke, die die Künstlerin aus ihren ausgedehnten Spaziergängen mitnimmt. Zuerst streicht sie gefundene Tannzapfen mit Farbe ein und reibt sie ab auf das Papier. Fasziniert betrachtet sie die strengen Formen der Schuppen mit ihren regelmässigen Glanzlichtern. Sie findet heraus, wie sie die Dreiecke mit dem Pinsel nachformen kann. Die Gebilde wachsen und verändern ihre Form. Das Überlebensgrosse und die Mutationen verleihen den Figuren etwas Unheimliches. Man denkt an Köpfe, behaarte Wesen aus einer anderen Welt, Marsmenschen.

Nach der Begegnung mit einer Kuh wächst das Gesicht des Tieres aus der Tannzapfenstruktur, mit seinen plastischen seitlichen Augen, den grossen Nüstern und kleinen Ohren. Sogar der kaputte Knirps, den die Künstlerin in dem verregneten Sommer auf der Gasse findet, mutiert als Schirmskelett zum beweglichen Körper einer Riesenspinne.

Weiterentwickelte Fundstücke sind auch die Postkarten mit Fotos aus der Umgebung, die Eva-Maria Schön übermalt, verfremdet, manchmal zu einem Panorama zusammensteckt. Aus der grossen Radarkugel des Monte Lema wird eine Riesenqualle – noch so ein Tier, unheimlich, mysteriös und witzig.

Das anfängliche Gefühl der Beengung in Bedigliora weicht sichtlich. Mit ihrer offenen Art und ihrer Neugierde tritt die Künstlerin mit Menschen und Umgebung in Kontakt. Aus zufälligen Begegnungen im Garten oder auf der Gasse wird freundschaftlicher Austausch. Neugierde, Achtsamkeit und der produktive Zufall spielen eine wichtige Rolle im Leben; sie sind zentral in der Kunst von Eva-Maria Schön. Zentral ist auch der Einsatz des eigenen Körpers: Nicht nur Auge und Hand, sondern der Mund wird zum Instrument, der Atem, der darin ein- und ausgeht, haucht oder bläst den Bildern Leben ein – mit Fragilität und Zähigkeit.

 

Ruth Gantert