Tone Hellerud

Tone Hellerud ist in Kongsvinger in Norwegen geboren. Nach der Matura erfuhr sie von der Weberei in Bedigliora, und bewarb sich für ein Praktikum. So kam sie zwanzigjährig zum ersten Mal in die Schweiz und lernte hier das Handweben. Darauf kehrte sie nach Norwegen zurück und besuchte eine Kunstschule in Oslo, heiratete früh und bekam zwei Kinder. Später nahm sie das Studium wieder auf und schloss es ab. Neben ihrem eigenen künstlerischen Schaffen arbeitete sie immer im Handwerks- und Kunstbereich: Sie verkaufte selbstgewebte Schals und Foulards, war Assistentin bei einer Textilkünstlerin, unterrichtete, gestaltete und kuratierte Ausstellungen. Werke der Künstlerin sind in Einzel- und Gruppenausstellungen bis nach China und Japan gekommen. Heute lebt sie in Norwegen und Italien.

Aufenthalt

01.07. - 30.09.2012

Kreuzende Linien

Tone Hellerud, Notat 9, Bedigliora 2012

Einführung zur Austellung

Ein grüner Faden verbindet die Weberei La Vignora, wo Gudrun Morandi arbeitet, das Haus von Maria Nilla Brechtbühl Vannotti, in dem die Weberei früher war, und die Casa Atelier. Der von Tone Hellerud selbst gesponnene Faden ist konkret und sinnlich, er hat aber auch eine symbolische Bedeutung, ja es könnte der Lebensfaden der Künstlerin sein.

Ihre Gegend ist auf Pastellbildern im Parterre zu sehen: ein verschneiter Wald, eine Winterlandschaft, Gehölz und Äste im Schnee. Viele Jahre später führt nun der Faden wieder ins Tessin zurück, in die Casa Atelier, wo sie die letzten drei Monate verbrachte. So finden wir eine unebene Gasse von Bedigliora auf einem Bild wieder, hinter einem rosa Schleier oder durch eine rosa Brille gesehen: Offensichtich hat es der Künstlerin hier gefallen. Neben Rosa ist Grün die Farbe, die sie am meisten verwendet – und damit sind wir wieder beim grünen Faden, der die Stationen im Leben der Textilkünstlerin aufzeichnet.

Dieser Verbindungsfaden ist noch aus einem andern Grund symbolisch für die Künstlerin. Tone Hellerud ist eine Vermittlerin in mehrfachem Sinne: Sie zeigt und inszeniert Kunst für das Publikum, sie knüpft aber auch Verbindungen zwischen verschiedenen Gebieten wie Kultur, Handwerk und Wissenschaft, und sie verbindet in ihrer Arbeit verschiedene Seiten ihrer selbst.

1. Die Forscherin: Tone Hellerud hat seit ihrer Schulzeit ein grosses Interesse für Naturwissenschaften. Besonders liebte sie das Mikroskopieren. Man entnimmt eine kleine Probe, legt sie auf die quadratische Glasplatte und betrachtet sie durch die Vergrösserungslinse: wissenschaftliche Erkenntnis und visuelles Erlebnis treffen dabei zusammen. Geblieben sind der Künstlerin das quadratische Format, das viele ihrer Arbeiten bestimmt, und das Aufeinanderlegen zweier Schichten: Meistens liegt ein Blatt oder Textil auf einer Unterlage, mit der es durch Stiche oder getrocknete Farbe verbunden ist. Auch ihre Serien, die Farb- oder Formmotive variieren, lassen an verschiedene Stadien einer Versuchsanordnung denken.

2. Die Dichterin: „Die visuelle Sprache poetisieren“ steht auf einem ihrer Werke. Die Künstlerin sucht eine metaphorische Ausdrucksform: Das Sichtbare soll Unsichtbares ausdrücken. So steht hier ein Koffer mit dem schönen Titel „Textil für eine lange Reise“ im Raum – klein und handlich, wie es sich für einen Reisekoffer gehört. Daraus entfaltet sich eine lange, aufgefächerte Stoffbahn mit mysteriösen Zeichen. Die Falten erinnern an plissierte Röcke oder an ein Buch-Leporello. Aus der konkreten Reise (z. B. Norwegen-Schweiz) wird eine metaphorische – vielleicht eine Reise ins Innere oder in die Vergangenheit.

3. Die Handwerkerin: Weben und Sticken erfordert eine genaue Planung, Sorgfalt, handwerkliches Können, Fleiss und Beharrlichkeit. Die Arbeit wächst langsam und Fehler sind nicht korrigierbar. So ist die grünviolette Schlange, die sich eng zusammenlegen, oder raumfüllend entfalten lässt, das Resultat eines minuziösen Entwurfes. Früher wurden Webmuster auf Patronenpapier aufgezeichnet – heute geschieht das direkt am Computer. Fasziniert von der Webtechnik hat sich Tone Hellerud Patronenpapier in China besorgt, wo es immer noch gebraucht wird. Auf diesem Raster entstanden die Notate 1-10.

4. Die Künstlerin greift auf das Handwerk zurück, verändert es aber auch. Zu den geometrischen Formen (Dreiecken und Rechtecken) auf dem Patronenpapier gesellen sich organische: so legt sich ein Glyzinienblatt auf das Millimeterraster, wie beim Bild für die Einladungskarte, ein riesiger roter Peperone, oder die Rundungen eines nackten Frauenkörpers. Mit der sorgfältigen Planung des Handwerks kontrastieren Bilder, die eher skizzenhaft hingeworfen sind, wie die Papierbahnen mit den Zeichnungen einer schlafenden Katze  und verschiedenen Studien von runden und eckigen Formen.

«Kreuzende Linien» heisst die Ausstellung, und die Bedeutung des Titels reicht wiederum von wörtlich zu metaphorisch: Konkret kreuzen sich die Linien in jedem Gewebe, Textilien bestehen aus Kette und Schuss. Im übertragenen Sinn sind all die Begegnungen gemeint, von denen die Rede war: zwischen verschiedenen Gebieten, verschiedenen Materialien und Techniken, und nicht zuletzt zwischen Werk und Betrachterin.

Kreuzungen nennt man Hybride, Mischwesen. Nicht eindeutig zuzuordnen, vereinen sie verschiedenste Merkmale in sich: In diesem Sinn sind die hier versammelten Werke Kreuzungen – und das Insekt auf der Zeichnung, das sowohl acht Beine als auch Flügel hat, ein Selbstporträt der Künstlerin.

Ruth Gantert